Rezeption



Interessanterweise wird die Schlacht von Waterloo seit fast 200 Jahren ausgiebig analysiert und über die Gründe für Napoleons Niederlage gibt es viele Theorien.

Napoleon hatte in seinem Exil auf St. Helena genug Zeit um herauszufinden, weshalb die Schlacht verloren wurde. Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Name Grouchy. Es wird oft behauptet, dass Grouchys Eintreffen das Blatt gewendet hätte. Tatsächlich konnte er gar nicht rechtzeitig eintreffen, die einzige Chance wäre gewesen Grouchy von Anfang an bei der Hauptarmee zu behalten. Grouchy hatte von seinem Kaiser eindeutige Befehle erhalten: Er sollte die Preußen verfolgen und nicht, was ihm oft vorgeworfen wurde, entgegen seinen Befehlen dem Kanonendonner folgen.

Warum sollte er das auch machen? Keine Schlacht dieser Zeit wurde ohne Kanonen geschlagen und Grouchy hörte an diesem 18. Juni sicher nicht zum ersten Mal Schlachtenlärm. Aufgrund welcher Ahnung sollte er also seine Befehle über den Haufen werfen und zum Schlachtfeld eilen? Grouchy musste annehmen, dass Napoleon die Schlacht gegen Wellington wie geplant alleine schlagen konnte.

Wenn man Grouchys Leistung betrachten möchte, gibt es eigentlich nur eine Frage zu untersuchen:

Hat er alles getan um die Preußen zu finden?

Tatsächlich war die Schlacht, und damit der Feldzug, bereits am Morgen des 17. Juni verloren.

Warum? Weil das einzige Ziel dieses Feldzugs darin bestand, die Vereinigung der Armeen Blüchers und Wellingtons zu verhindern und nacheinander zu schlagen. Die Preußen konnten am 16. Juni bei Ligny geschlagen werden, aber das primäre Ziel wurde nicht erreicht. Und das, obwohl Napoleon nur entschieden hätte nachsetzen müssen.

Alternativ hätte er an diesem Morgen Wellington angehen können. Stattdessen hat er seinen Gegnern genug Zeit gelassen um sich sammeln zu können. Die Möglichkeit einer preußischen Rückkehr schloss er kategorisch aus und seine Überheblichkeit wurde am frühen Nachmittag mit der Ankunft der Preußen auf dem Schlachtfeld bestraft.

Wie wäre die Schlacht ausgegangen, wenn sie an einem Herbst- oder Wintertag stattgefunden hätte?

Abgesehen von den Bodenverhältnissen, die an einem kalten Tag durchaus Vorteile für die Ricochet-Geschütze mit sich brachten, hätte ein deutlich früherer Sonnenuntergang vielleicht einen Sieg für Napoleon, zumindest jedoch ein Unentschieden, bringen können. Dann wäre die Entscheidung erst am 19. Juni gefallen und es würde keine Diskussionen über das Eintreffen oder Fehlen von Preußen und Grouchy geben.

Nährboden für die ständigen, teils sehr emotional geführten, Diskussionen über eine der wichtigsten Schlachten ist die dürftige Quellenlage. Das scheint erstmal unglaublich. Ist doch Waterloo ein "Meilenstein der Weltgeschichte". Tatsächlich wurde viel und wird viel über Waterloo geschrieben.

Bernhard Schwertfeger stellte schon vor 100 Jahren fest:

Vorgreifend sei hier gleich bemerkt, daß eine völlig genaue Darstellung aller Einzelheiten unmöglich ist, wo eine so große Anzahl von Truppen auf einem beschränkten Raum gleichzeitig gefochten hat. Gerade die Fülle der Aussagen von Augenzeugen verwirrt hier die Vorgänge häufig mehr, als sie dieselben klärt. Bekanntlich hat Wellington selbst es für unmöglich erklärt, eine völlig zutreffende Beschreibung von Waterloo zu geben, und eine Schlacht mit einem großen Ball verglichen, von dem die Teilnehmer auch meist nur das wissen, was sie persönlich gesehen und gehört haben. Die größte Schwierigkeit bietet bei jeder Schlachtschilderung immer die Herstellung der richtigen Zusammenhänge in den Begebenheiten nach Zeit und Ort. […]

Das auffallendste Beispiel hierfür bietet die unrichtige Wellingtonsche Berichterstattung über den Kampf bei la Haye Sainte.

Die Verteidigung dieses Pachthofes, des Schlüsselpunktes der gesamten Wellingtonschen Stellung, […]. Der Herzog behauptet nun in einem Briefe vom 17. August 1815, die deutschen Verteidiger hätten den Pachthof gegen 2 Uhr geräumt. Brialmont, Wellingtons gewissenhafter Biograph, verlegt den Vorgang auf etwa 4 Uhr und fügt bezeichnender Weise hinzu: "Einige Autoren behaupten, die Ferme sei erst gegen 7 Uhr genommen worden, aber sie irren sich." Houssaye hingegen weist in seiner schnell berühmt gewordenen farbenprächtigen Schilderung des Feldzuges von 1815 unwiderlegbar nach, daß der Pachthof erst nach 6 Uhr verloren ging. (Knoop hebt in seinem Buch über Siborne richtig hervor, daß Wellington in seinen Berichten sich häufig schlecht unterrichtet zeige, und erwähnt hierbei die Verteidigung des Pachthofes in folgender Weise: "Die Verteidigung von la Haye Sainte, welche so ausgezeichnet gut gewesen ist, wird von Wellington sehr ungünstig beurteilt, und in seinen Briefen der tapfere Baring beinahe der Pflichtvergessenheit beschuldigt. La Haye Sainte wurde, nach Wellington, schon um 2 Uhr genommen, während im Gegenteil bewiesen ist, daß die Verteidigung dieses Pachthofes bis 6 Uhr oder noch länger gedauert hat.") Oman, der Geschichtsschreiber des Halbinselkrieges, betont in der Cambridge Modern history gleichfalls, daß dies gegen 6½ Uhr geschah.


Und das bei einem Ereignis, welches während der Schlacht alles andere als unbedeutend war und genau im Zentrum, also auch im Zentrum der allgemeinen Beobachtung, stattgefunden haben muss.