17. Juni 1815



Die Nacht zum 17. Juni verbrachten die Franzosen weitgehend auf dem Schlachtfeld von Ligny, während die Preußen bei Tilly bis drei Uhr morgens rasteten und dann geordnet nach Norden marschierten.

Die Franzosen feierten am Morgen den Sieg des Vortages. Genau in diesen frühen Stunden des 17. Juni lag vielleicht der Keim für die dramatische Niederlage des nächsten Tages. Denn Napoleon machten keine ernsthaften Anstalten die Verfolgung der flüchtenden Armee aufzunehmen. Dem Kaiser meldete der Kavallerie-General  Pajol sogar, dass sich die Preußen in größter Unordnung auf Namur und Lüttich zurückzogen und keine Rolle mehr spielen würden.

Der Napoleon aus dem Italien-Feldzug, von Austerlitz und Jena, hätte seinen Soldaten keine Ruhepause gegönnt und sich sofort der nächsten Aufgabe gewidmet. Auch wenn in diesen Stunden vielleicht der Grundstein für die Niederlage gelegt wurde, kann man Napoleons zaghaftes Verhalten an diesem Morgen vielleicht damit erklären, dass er sich ein Bild vom tatsächlichen Zustand der besiegten preußischen Armee machen wollte. Über die Anzahl der zerstörten Kanonen, zurückgelassenen Nachschubtrains und gefallenen und verwundeten Soldaten auf dem Schlachtfeld, versuchte Napoleon auf den Zustand der Preußen schließen zu können. An diesem Morgen kamen zwei Dinge zusammen: Erstens verlor Napoleon zu viel Zeit, zweitens machte er sich anscheinend ein falsches Bild vom Zustand der Preußen!
Nachdem man den ganzen Vormittag hatte verstreichen lassen, wurde endlich Marschall Grouchy mit 37.000 Mann, immerhin ein Drittel der gesamten Armee, losgeschickt um mit den Korps von Vandamme und Gérard die Preußen bis zum Rhein zu verfolgen. Grouchy vertraute seinem Kaiser nur zu gerne, denn er selbst hatte nicht die geringste Ahnung wo die Preußen sich gerade befanden. Da kam es ihm gerade recht, dass er den Befehl erhielt in Richtung Namur zu marschieren, und sich nicht selbst Gedanken über die richtigen Schritte machen zu müssen.

Während sich Napoleon gleichzeitig aufmachte um mit der verbleibenden Armee von 72.000 Soldaten Wellington zu schlagen, begann es heftig zu regnen. Der Regen war so stark, dass die Sicht dadurch erheblich eingeschränkt wurde. Der feuchte Lehmboden erschwerte zusätzlich den Vormarsch.
Der preußische Rückzug war demgegenüber sehr gut ausgeführt worden. Im Laufe des Tages trafen alle vier Korps rund um Wavre ein. Selbst die Nachschubkolonnen erreichten unbehelligt und rechzeitig ihr Ziel und so konnte die Munition der Artillerie und Infanterie ergänzt werden.
Nachdem Wellington am Morgen des 17. Juni von der Niederlage der Preußen bei Ligny und deren Rückzug auf Wavre erfahren hatte, schickte er den preußischen General von Müssling zu Blücher um diesem zu sagen, er wäre bereit, in der Stellung von Quatre Bras zu bleiben und eine Schlacht anzunehmen, wenn das preußische Heer wieder vorrücken könne. Sollte dies nicht möglich sein, so würde er sich in die Position von Mont St. Jean zurückziehen und dort eine Schlacht annehmen, wenn auch nur ein einziges preußisches Korps zu seiner Unterstützung kommen würde.

Während seine Nachricht unterwegs war, traf ein Bote Blüchers bei ihm ein. Blücher war bereit sich mit ihm zu vereinigen und dann geschlossen gegen Napoleon vorzugehen.  Jetzt war sich der englische Herzog sicher, dass er preußische Unterstützung erhalten würde und sich die Preußen nicht nach Ligny völlig zurückzogen. Er musste nur genug Zeit gewinnen, damit Blücher zu ihm stoßen konnte.
Jetzt traf auch Wellingtons Nachricht bei Blücher ein. Ohne seine Generäle zu konsultieren antwortete der auf Revanche pochende General, dass er beim Mont St. Jean nicht nur mit einem Korps, sondern mit allen vier Korps erscheinen würde. Aber nur unter der Bedingung, dass sie spätestens am 19. Juni die Initiative in die Hand nehmen und selbst einen Angriff auf Napoleon durchführen würden.

Wellington entschied sich komplett aus Quatre Bras zurückzuziehen und bei Mont St. Jean auf Blücher zu warten. Lord Uxbridges Kavallerie verblieb vorerst in seiner Stellung. So wurde der Rückzug von den Franzosen erst nicht wahrgenommen, dann durch kleine Scharmützel erfolgreich gedeckt. Der Vorsprung Wellingtons wurde größer und Napoleon musste sich eingestehen, dass an diesem Tag keine Schlacht mehr stattfinden würde. Vielleicht fehlten gerade hier die Stunden, welche in der Nacht und am Morgen des 17. Junis verschwendet wurden. Aber an dieser Stelle kann man auch Marschall Ney den Vorwurf machen auf die Finte hereingefallen zu sein, anstatt mit seiner Reiterei den Engländern nachzusetzen.


Wellington nahm eine Stellung zwischen dem Städtchen Braine l'Alleud und dem Meierhof Papelotte  ein. Das kleine Dorf Waterloo lag etwa 4 Kilometer weiter nördlich und sollte in der Nacht auf den 18. Juni als Quartier für Wellington dienen. Seine Hauptmacht (67.600 Mann, wovon 30.000 Deutsche, 24.000 Briten, 13.000 Niederländer, mit 180 Geschützen) hatte er am Morgen des 18. Juni zu beiden Seiten der Straße von Charleroi nach Brüssel auf einem von Westen nach Osten laufenden Höhenzug in zwei Treffen aufgestellt.

An seiner linken Flanke war Vivians Leichte Kavalerie Brigade positioniert. Dort standen auch die 10., 18. und die 1. Husaren der King's German Legion.
Wellingtons Stellung gegenüber lag ein weiterer Höhenzug, diesen bot er Napoleon an. Wellingtons Vorteil bestand darin, dass seine Stellung etwas höher lag und  den südlicheren an den Rändern überragte. Da er sich bis zum Eintreffen der Preußen auf eine Verteidigungsschlacht vorbereitete, rechnete er mit einem Angriff der Franzosen. Verließen diese ihren Hügel um ihn zu erreichen, so mussten sie eine etwa 1500 Meter breite Mulde zwischen den beiden Hügeln durchqueren.


Aber nicht nur die geografische Lage war optimal für die Verbündeten. Vor der Front des rechten Flügels lag das schlossähnliche Hougoumont, weiter links das Vorwerk La Haye Sainte, vor dem äußersten linken Flügel die Gehöfte Papelotte, La Haye und Frichermont. Diese, vor der eigentlichen Stellung gelegenen Befestigungen, konnten durch wenige Soldaten gehalten werden und würden angreifenden Truppen schwere Verluste beibringen.
Zwei Batallione sollten Smohain und La Haye sichern, während Papelotte von der Leichten Kompanie des dritten Batallions und dem zweiten Batallion des zweiten naussauischen Regiments gehalten wurde. 

La Haye wurde vom zweiten Leichten Battallion unter dem Kommando von Major Baring besetzt. Die nördliche Seite des Hofs wurde vom Wohnhaus und einem Teil der L-förmigen Stallungen begrenzt, die Westseite bildeten der lange Schenkel der Stallungen und das Kuhhaus. An der Südseite wurde der Hof durch eine lange Mauer begrenzt, welche direkt neben der Hauptstraße verlief. Im Süden, also der den Franzosen zugewandten Seite, lag ein großer Obstgarten auf dem sich in wenigen Stunden das Zentrum der Schlacht  wiederfinden sollte.

Kaum war der Tag angebrochen, begannen die etwa 400 Soldaten im Hof ihre Position zu festigen. Dabei erwies es sich als ausgesprochen unglücklich, dass die Soldaten am Vortag, kurz nachdem sie den Hof einnahmen, das große Tor auf der Westseite einschlugen um das Holz zu verfeuern. Major Baring positioniere drei Kompanien in dem Obstgarten, zwei in den Gebäuden und eine Kompanie im Garten.
Ungefähr in der Mitte der Alliierten Stellung lag der schon erwähnte Mont St. Jean.

Die gewählte Stellung war außerordentlich breit, fürchtete Wellington doch die Umgehung seiner Flanke durch den französischen Kaiser. Zusätzlich schickte er mehr als 14.000 Soldaten in das westlich vom Schlachtfeld, an seinem rechten Flügel, gelegene Hal. Diese Truppen spielten während der Schlacht keine Rolle. Die Truppen in Hal sollten zudem im Falle einer Niederlage den Weg zur Küste offen halten, denn Wellington erwog niemals den Rückzug nach Brüssel. Um einen möglichen Flankenangriff abwehren zu können, wurde der rechte Flügel, unter Lord Hill, besonders stark besetzt.


An seinem linken Flügel, unter dem Kommando von Picton, erwartete er im Verlauf des 18. Juni die preußische Unterstützung. Um die Flügel vereinen zu können durfte diese Seite auf keinen Fall gefährdet werden. Daher war der linke Flügel besonders stark besetzt.
Das Zentrum, unter dem Prinz von Oranien, war durch diese Entscheidungen geschwächt. Dem Gehöft Le Haie Sainte sollte daher eine besonders wichtige Rolle zufallen, konnte man doch von hier mit verhältnismäßig wenigen Soldaten das Zentrum sehr gut unterstützen.

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